Postmoderner Trash oder: Warum ihr mehr Klassiker lesen müsst

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Mark Twain (*1835 – ✝1910) sagte einst:

„A classic is something that everyone wants to have
read but no one wants to read.“

Nun, was hätte der Gute wohl angesichts der gesamtgesellschaftlichen Geschmacksverirrung des 21. Jahrhunderts gesagt? Dem durchschnittlichen Heranwachsenden sind Männer wie Kafka, Schiller und Brecht wohl kaum ein Begriff. Und auch Goethe ist ihm wahrscheinlich nur noch als obszöner Titel einer deutschen Komödie in Erinnerung. Klassische Literatur ist was für alte, sehbehinderte Männer die hinter mit Staub bedeckten Schaufenstern uriger Antiquariate hervorschauen. Wer braucht schon unnötig komplizierte Sätze, verpackt in stinkende Ledereinbände? Ich sage: Wir alle.

Wir brauchen steinalte Bücher, mit vergilbten Seiten und modrigem Kellerduft. Wir brauchen
Sätze, so schön, dass es sich lohnt sie ein weiteres Mal zu lesen. Und vor allem brauchen wir
die Weisheit längst verstorbener Männer und Frauen, die den Grundstein legten, für die Welt,
wie wir sie heute kennen. Ein Klassiker ist zeitlos. Eingebettet in seinen kultur-historischen
Kontext ist er in seiner Essenz auch 300 Jahre später noch greifbar. Es geht um Liebe, um
Hass, Freundschaft und Macht. Um Familie, Krankheit und Tod.

Es ist die Formschönheit einer längst überholten Sprache. Wortschätze, begraben unter
jahrelanger, umgangssprachlicher Schande. Die hohe Kunst des Schreibens verliert sich in
einer Welt voller Stümper. Self-Publishing und Social Media sei Dank.

Zu den größten Verlierern gehört die Lyrik. Wer kauft sich heute noch einen Gedichtband?
Wer liest einen Reim und verliert sich Staunen und Ehrfurcht? In einer Welt, in der ein
Hauptkriterium für den wirtschaftlichen Erfolg eines Werkes, ihre unkomplizierte Lesbarkeit
ist, bleibt kein Platz für romantische Ästhetik. Spannend muss er sein, der neue
Nachtschrankkrimi. Entführen soll er, in eine düstere Parallelwelt. Uns aus unserem
alltäglichen Trott ziehen und die Sorgen vergessen machen. Ich bevorzuge Kafkas Sicht:

„Ich glaube, man sollte überhaupt nur noch solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen.
Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu
lesen wir dann das Buch? […] Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“

Natürlich sollen Bücher uns Freude bereiten. Doch muss es immer eine Flucht vor dem
Gefühl sein? Warum nicht baden in Selbsthass, Intrige und Ich-Zerfall? Warum nicht grübeln
über ewig langen Sätzen und versteckten Botschaften?

An der Seite von Goethe gegen die Mächte der Obrigkeit, mit Virginia Woolf für
Emanzipation und Frauenrechte und Hand in Hand mit Hesse gegen die Dämonen des Ich.